Der globale Markt für Influencer Marketing boomt, doch eine neue Spezies digitaler Persönlichkeiten erobert die Bildschirme: KI-Influencer. Das Titelbild zeigt Mia Zelu (166’000 Followers auf Instagram am 19. Juli 2025), eine KI-Influencerin welche in den letzten Tagen massiv viral gegangen ist. Auf diesem Bild am vergangenen Tennisevent in Wimbledon – natürlich war sie nur virutell vor Ort.

Diese computergenerierten Charaktere, geschaffen durch fortschrittliche Algorithmen und 3D-Modelle, stellen die traditionelle Welt der menschlichen Meinungsmacher auf den Kopf. Während der globale Influencer-Markt bis 2027 auf 31,2 Milliarden US-Dollar anwachsen soll, wird der spezifische Sektor der virtuellen und KI-Influencer laut Grand View Research voraussichtlich von 6,06 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 auf rund 45,88 Milliarden US-Dollar bis 2030 wachsen – bei einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 40,1 % (Quelle: Grand View Research, „Virtual Influencer Market Outlook“, 2024 – Link). Auch die Schweiz ist von diesem Wandel betroffen, wenn auch mit eigenen Besonderheiten.


Globale Trends: Personalisierung, Ethik und das Uncanny Valley

Der Aufstieg von KI-Influencern ist kein Zufall, sondern das Ergebnis mehrerer disruptiver Trends. An erster Stelle steht die Hyperpersonalisierung: Künstliche Intelligenz ermöglicht es, Inhalte, Botschaften und sogar das Erscheinungsbild von Influencern in Echtzeit an individuelle Nutzer anzupassen. Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen zunehmend, da KI-Modelle immer realistischere Avatare mit nuancierten menschlichen Verhaltensweisen und emotionaler Ausdruckskraft hervorbringen. Dies führt zu einer KI-gestützten Co-Kreation von Inhalten, bei der Marken und KI-Influencer gemeinsam Ideen entwickeln, Skripte schreiben oder visuelle Elemente optimieren.

Ein weiterer entscheidender Trend ist die Integration in Metaverse und Web3. KI-Influencer sind prädestiniert, virtuelle Welten zu bevölkern, digitale Events zu moderieren oder immersive Produktdemos anzubieten. Gleichzeitig demokratisiert sich die Erstellung von KI-Influencern, da benutzerfreundliche Plattformen die Entwicklung auch für kleinere Marken erschwinglich machen.

Herausforderungen mit KI-Influencer

Doch mit diesen Fortschritten gehen auch Bedrohungen einher. Die grösste Herausforderung ist der mögliche Verlust von Authentizität und Vertrauen. Fehlt die transparente Offenlegung des KI-Einsatzes, drohen Skepsis und Täuschung. Ethische Bedenken umfassen zudem den Datenschutz, Urheberrechtsfragen bei KI-generierten Inhalten und die Verantwortung für etwaige Fehltritte der digitalen Persönlichkeiten. Psychologische Auswirkungen auf Nutzer, wie unrealistische Schönheitsideale oder die Erosion der Selbstwahrnehmung durch Vergleiche mit makellosen KI-Personas, sind ebenfalls ernst zu nehmen. Das Phänomen des "Uncanny Valley", bei dem zu realistische, aber doch unvollkommene Avatare Unbehagen auslösen, bleibt eine fortwährende Hürde.

Disruption durch realistische Avatare mit KI

Disruptive Innovationen treiben den Markt voran: Dazu gehören fortschrittliche generative KI-Modelle (wie sie Synthesia oder DeepBrain AI nutzen) für realistische Avatar-Erstellung und nuancierte emotionale Ausdruckskraft. KI-Agenten und Automatisierungsplattformen optimieren die Content-Erstellung und -Verwaltung, während Echtzeit-Analysen und prädiktive KI die Kampagnenleistung optimieren. Langfristig könnten Blockchain-Technologien die Authentizität von KI-generierten Inhalten sichern.


Der Schweizer Markt für Influencer-Marketing:

Die Schweiz ist ein digital affiner Markt. Das Influencer-Marketing wird hier bis Ende 2025 voraussichtlich 120,68 Millionen US-Dollar erreichen gemäss Statista Market Insights, 2024, mit einem Wachstum auf 155,28 Millionen US-Dollar bis 2029 (CAGR 6,51%). Die hohe Social-Media-Nutzung (WhatsApp 90%, Instagram 70%, YouTube 75%) und das Vertrauen in lokale Influencer sind treibende Kräfte. Kampagnen sind oft kostspieliger als international, und eine mehrsprachige Strategie (Deutsch, Französisch, Italienisch) ist unerlässlich.


Wettbewerbslandschaft: Von Agenturen zu Plattformen

Die Top-Akteure im KI-Influencer-Sektor lassen sich grob in drei Kategorien einteilen:

Spezialisierte KI-Influencer-Agenturen

KI-Avatar-Erstellungs-plattformen

Inhouse-Marken-KI-Influencer

Spezialisierte KI-Influencer-Agenturen

Brud (Lil Miquela): Pionier und Schöpferin der weltweit bekanntesten KI-Influencerin Lil Miquela. Das Geschäftsmodell basiert auf Marken-Kooperationen, Musik und Merchandise. Stärken liegen in der Storytelling-Fähigkeit und frühen Marktführerschaft. Schwächen sind die hohen Anfangsinvestitionen und die Debatte um Authentizität.

Aww Inc. (Imma): Eine japanische Agentur, bekannt für die hochrealistische Imma. Sie generieren Umsatz durch Brand-Kampagnen und sind stark im asiatischen Raum verankert. Ihre Stärke ist die 3D-Computergraphik-Kompetenz und strategische Partnerschaften (z.B. mit Nvidia).

KI-Avatar-Erstellungsplattformen

Synthesia: Eine führende SaaS-Plattform zur Erstellung von KI-Videos mit synthetischen Moderatoren. Sie zielen auf Unternehmen ab und punkten mit Effizienz, Kostenreduktion und Mehrsprachigkeit. Die Herausforderung ist die teils limitierte Lebensechtheit der Avatare im Vergleich zu komplexen Produktionen.

DeepBrain AI: Ebenfalls eine SaaS-Plattform für hyperrealistische KI-Avatare und Videogenerierung. Sie bieten über 100 lizenzierte Avatare und schnelle Videoerstellung an. Schwächen liegen in der potenziellen fehlenden persönlichen Verbindung.

Inhouse-Marken-KI-Influencer

Magazine Luiza (Lu do Magalu): Lu ist die hausinterne virtuelle Verkäuferin des brasilianischen Einzelhandelsriesen. Sie ist weltweit der meistgefolgte virtuelle Influencer und stärkt Markenloyalität sowie Kundeninteraktion. Ihr Erfolg ist direkt an den Erfolg des Mutterkonzerns gebunden.

Die Konkurrenz ist hoch: Die niedrigen Eintrittsbarrieren für grundlegende KI-Influencer, die hohe Verhandlungsmacht der Social-Media-Plattformen und die ständige Bedrohung durch menschliche Influencer, die ihre Inhalte ebenfalls mit KI anreichern, schaffen ein dynamisches Umfeld.


Strategische Empfehlungen: Vertrauen, Nische und Hybridmodelle

Für Unternehmen, die in den Markt der KI-Influencer eintreten oder darin wachsen wollen, ergeben sich daraus klare Handlungsempfehlungen:

  1. Hybrid-Influencer-Strategie entwickeln

Setzen Sie auf eine Kombination aus KI-Influencern für skalierbare, datengesteuerte Kampagnen und menschlichen Influencern für authentische emotionale Bindungen und Nischen-Community-Building.

  1. Ethische KI und Transparenz leben

Etablieren Sie klare Richtlinien zur Offenlegung von KI-generierten Inhalten. Investieren Sie in Erklärbare KI (XAI) und entwickeln Sie robuste Rahmenwerke für Markensicherheit und rechtliche Compliance. Transparenz schafft Vertrauen.

  1. In proprietäre KI und Datenassets investieren

Konzentrieren Sie sich auf die Entwicklung einzigartiger KI-Modelle für hyperrealistische Darstellungen und spezifische Fachgebiete. Sichern Sie sich exklusiven Zugang zu hochwertigen, ethisch erfassten Trainingsdaten.

  1. Strategische Partnerschaften eingehen

Kooperieren Sie mit führenden KI-Modell-Entwicklern, Social-Media-Plattformen und gegebenenfalls menschlichen Influencer-Agenturen, um Technologien zu bündeln und das Angebot zu erweitern.

Der Markt für KI-Influencer steht am Scheideweg. Unternehmen, die sich durch technologische Exzellenz, ethische Verantwortung und den strategischen Einsatz von künstlicher und menschlicher Intelligenz auszeichnen, werden in dieser neuen Ära der Einflussnahme die Nase vorn haben.

Mein persönliches Fazit

Ich bin skeptisch gegenüber diesen KI-Influencern eingestellt. Jedoch geht es am Schluss einfach nur um gutes Storytelling. Und ob das ein Mensch oder eine Maschine macht, ist der konsumierenden "1-Sekunden-Aufmerksamkeit-Audience" wahrscheinlich egal. Wir sind gespannt!


Relevante Quellen und Beiträge

  • Marktdaten

Verschiedene Berichte, darunter Schätzungen von Influencer Marketing Hub (globale Influencer-Marketing-Branche), Statista (Influencer-Werbung Schweiz), und Marktforschungsunternehmen (z.B. Vantage Market Research, Grand View Research) für den spezifischen virtuellen/KI-Influencer-Markt.

  • Technologie & Trends

Analysen von Deloitte, Forbes, TechCrunch und Fachpublikationen zu generativer KI, Metaverse und AI Agents.

  • Ethik & Regulierung

Berichte und Artikel zu KI-Regulierungen der EU und der Schweiz (z.B. swiss.org, ETH Zurich), sowie Diskussionen zu psychologischen Auswirkungen (z.B. von psychologischen Fachzeitschriften oder Berichten).

  • Wettbewerber

Unternehmenswebsites (Brud, Aww Inc., Synthesia, DeepBrain AI), Finanzierungsberichte, Medienberichte (z.B. Business Insider, Forbes, South China Morning Post) über deren Geschäftsmodelle, Strategien und Erfolge.

Lies auch meine früheren Beiträge